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Turnschuhe aus dem Kuhstall

Turnschuhe aus dem Kuhstall

Zwei Brüder, ein Traum und der Aufbau Ost

Am Anfang war ein Schild: Umbau und Umnutzung eines Kuhstalles als Laufschuh-Fabrik stand darauf. Mario Renk erinnert sich noch genau an den Tag, als er es zum ersten Mal sah. Daran, wie er laut gelacht hat. Und auch jetzt lacht er wieder und sagt: „Sportschuhe, die kommen doch aus Asien!“ Als sei das ein Naturgesetz.

Renks Haus steht an der Einfahrt nach Düssin, und wenn er aus dem Fenster guckt, sieht er Wiesen, Wiesen, Wiesen und mittendrin, in einer Senke, den alten Kuhstall. Roter Backstein, halb verfallen. Vierhundert Kühe hielt die örtliche LPG zu DDR-Zeiten. Heiko Tramnitzki, der ein Stück die Dorfstraße hinunter wohnt, hat dort Melker gelernt, und später, bis zur Wende, war er Meister der Rinderproduktion. „Hier im Dorf zerfällt vieles.“ Er zuckt mit den Schultern und sieht aus wie einer, der nichts mehr erwartet. „Was soll man machen?“

Ein Traum aus Backstein

Ulf Lunge hatte einen Traum. In diesem Traum, erzählt er, tauchte immer wieder ein rotes Backsteingebäude auf. Dabei hat Lunge von Kühen nicht die geringste Ahnung. Er verkauft Laufschuhe. Als Jugendlicher begann er zu laufen und eröffnete noch vor dem Abitur seinen ersten Sportschuhladen; sein kleiner Bruder Lars musste im Keller die Carrerabahn räumen, damit Ulf die vielen Schuhkartons unterbrachte. Fünfundzwanzig Jahre später betreiben die Brüder gemeinsam sechs Sportschuhgeschäfte in Hamburg und Berlin, beschäftigen dreißig Mitarbeiter, Jahresumsatz: drei Millionen Euro. Und noch immer träumt Ulf. Von einem Backsteingebäude und davon, eigene Schuhe herzustellen – den perfekten Laufschuh. Immer wieder haben Lunges eigene Entwürfe in Asien in Auftrag gegeben. Jedes Mal wurden ihre Ideen geklaut, und die Schuhe, die man lieferte, hatten Mängel. Irgendwann hatten beide genug, auch von der ständigen Geiz-ist-geil-Mentalität, davon, dass alles immer so billig wie möglich sein muss. „Deutsche Wertarbeit ist einfach besser“, sagt Ulf Lunge. „So eine Qualität kriegen die Chinesen nicht hin“, sagt Lars Lunge.

Dann, im Sommer 2005, sieht Ulf Lunge in einem Auktionskatalog das Foto eines alten roten Backsteingebäudes.

Ruine in der Idylle

Er fährt nach Düssin. Das Dorf ist nur achtzig Kilometer von Hamburg entfernt, herrlich gelegen am äußersten Rand des Naturparks Mecklenburgisches Elbetal. Rot leuchtet das verwitterte Gebäude in der Sonne, imposante hundertzwanzig Meter lang, klare Symmetrien, eine Architektur wie in der Hamburger Speicherstadt. „Ich hatte eine Gänsehaut“, gesteht Lunge. „Ich habe gedacht: Das Gebäude muss ich haben. Das muss ich irgendwie kriegen – das ruft mich!“

Für 20.000 Euro ersteigern die Brüder den Kuhstall von der Treuhand. 6.600 Quadratmeter auf drei Etagen – umgehend verpflichten sie einen Architekten, heuern Handwerker an. So bald wie möglich wollen sie in Düssin ihre Laufschuhmanufaktur eröffnen und endlich den perfekten Laufschuh bauen, Made in Mecklenburg.

Sie ahnen nicht, dass es anders kommen wird.

Ungeahnte Schwierigkeiten

Knapp zwei Jahre später, im Februar 2007. Es regnet in Strömen, der Himmel über dem Kuhstall ist so grau wie der angenagte Asphalt auf der maroden Dorfstraße. Vor dem Kuhstall steht ein Gerüst, etwas weiter parken Kombis und Transporter im Matsch. Drinnen reißen Maurer Wände ein, Dachdecker schleppen Ziegel, Zimmerleute wuchten Balken durch die Etagen. Der Kuhstall ist eine Großbaustelle. „Es dauert alles etwas länger“, sagt Lars Lunge.

Juni 2007: Die Bauarbeiten laufen, Maschinen wurden geordert, aber noch nicht geliefert.

August 2007: Die Bauarbeiten laufen, erste Maschinen kommen voraussichtlich im Oktober. „Wir haben uns verschätzt“, sagt Lunge.

Oktober 2007: Die Bauarbeiten laufen, erste Maschinen werden aufgestellt, sieben Mitarbeiter wurden eingestellt. Der erste Schuh soll im Januar 2008 in den Handel kommen.

Februar 2008: Die Bauarbeiten laufen, die ersten Maschinen auch. Der Schuh kommt voraussichtlich im Frühjahr in den Handel.

März 2009: Die Bauarbeiten dauern an. Doch in der Halle ist es warm, die Wände sind verputzt und weiß getüncht, überall brennen Neonleuchten. Nähmaschinen rattern, CAD-Anlagen surren leise, es riecht nach Leim. Lars Lunge greift nach einem grellgrün-weißen Schuh: Federleicht ist er, schlicht, ohne jeden Schnickschnack. Der erste Lunge-Laufschuh steht kurz vor der Serienreife – zwei Jahre nach dem geplanten Start. Ulf Lunge zuckt mit den Schultern. Neue Maschinen und Verfahren, eine Software, die erst entwickelt werden musste, und nur die besten Materialien Made in Germany – um ihren Traum zu verwirklichen und einen völlig neuen Schuh in Spitzenqualität zu entwickeln, mussten die Brüder ungeahnte Schwierigkeiten überwinden. „An manchen Tagen, sagt Lars Lunge, „kämpfen wir an zehn Fronten gleichzeitig.“

 

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