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Nonnen mit Enkeln

Nonnen mit Enkeln

Deutschlands Klöster suchen dringend Nachwuchs

82 Prozent der Nonnen in deutschen Klöstern sind älter als 65 Jahre. Die Alterspyramide in den Klöstern steht Kopf, und Kirchenvertreter schätzen, dass in naher Zukunft viele Ordensgemeinschaften verschwinden werden. Werden Deutschlands Klöster zu Museen?

Frühes Licht fällt durch die Bleiglasfenster, als zur Laudes fünfzig Nonnen in grauer Tracht in den Bänken der Klosterkapelle Platz nehmen. Runde Schultern, gebeugte Rücken. Wie jeden Morgen singen sie das Invitatorium, den Hymnus, den Morgenpsalm, gedenken der Auferstehung Christi, lauschen einer kurzen Schriftlesung, sprechen die Bitten für den Tag und die Arbeit, das Vaterunser. Als sie sich wieder aus dem Chorgestühl erheben und über den Klosterhof gehen, den Kreuzgang entlang in Richtung Refektorium, steigt aus den umliegenden Wiesen und Beeten Dunst auf. In der Nacht hat es geregnet. Im Rosengarten schimmern dicke Tropfen auf Blüten und Knospen. Hinter dem Rosengarten, in der Magdalenen-Kapelle, liegt aufgebahrt Schwester Maria Syra, am Vorabend verstorben, 88 Jahre alt.

Das könnte ich nicht

Um kurz vor neun turnen drei hochbetagte Nonnen in der Morgensonne, kreisen mit den Hüften, beugen den Oberkörper, strecken die Beine, während eine Schulklasse lachend und lärmend den Klosterhügel hinaufklettert. Die Jungen tragen Sneaker und Kapuzenpullis, die Mädchen Shorts und Tops, Wimperntusche und Zahnspangen. Die Schwestern haben ihre Trachten gegen Arbeitskittel getauscht, die Haare unter Schleiern verborgen, ihre Füße stecken in soliden Sandalen. Schwester Manuela begrüßt die Jugendlichen. Sie erklärt, wer der Heilige Franziskus war, dann geht sie voran zu den Gewächshäusern. Die Schüler haben Projektwoche und werden heute Vormittag Unkraut jäten und mit den Nonnen über Gott und Glauben sprechen, über Wiedergeburt und heilige Kühe in Indien.

„Ich bewundere die Schwestern dafür, dass sie sich so sicher sind“, sagt Larissa und rupft energisch an einem Büschel Gras. „Sie entscheiden sich für etwas, worüber sie keine Gewissheit haben, für Gott. Ich könnte das nicht.“ Ihre Freundin legt die Hacke beiseite und seufzt. „Die konsumieren viel weniger als wir und müssen um alles bitten. Selbst um eine Zahnbürste müssen sie bitten. Ich könnte das nicht.“

Schwester Manuela lächelt milde. „Wenn wir Jugendarbeit machen würden, um Nachwuchs zu rekrutieren, könnten wir es genauso gut bleiben lassen. Berufung kann man nicht planen.“

„Berufung“, sagt später im Klosterkapitel die Generalvikarin, „ist ein Geschenk Gottes, darum kann man nur beten.“ Doch müssen sie und ihre Mitschwestern etwas klug und richtig machen, denn in keinem anderen Kloster in Deutschland melden sich so viele junge Novizinnen wie bei den Franziskanerinnen im Kloster Sießen am Rand des Allgäus.

Wo bleibt die Lebenslust?

In einem der Apostelzimmer, die vom Kreuzgang abgehen, sitzt Schwester Clara Maria. Sie trägt den weißen Schleier der Novizinnen, eine rote Brille, ist 33 Jahre alt und sprüht vor Lebenslust. Ihr Leben hatte sie sich anders vorgestellt: Sie wollte heiraten, Kinder bekommen, eine große Familie haben mit Haus und Hof. „Ein richtig pralles Leben eben.“ Die Worte klingen seltsam aus ihrem Mund, voller Energie und zugleich ist da die strenge Tracht, die karge Umgebung des Klosters. Nein, sagt Schwester Clara Maria, sie bedaure nicht, ihren Traum aufgegeben zu haben, ihren Beruf als Erzieherin, ihre Freunde, Wohnung, Auto, Computer, Handy. Mit 22 Jahren war sie in Assisi auf den Heiligen Franziskus gestoßen und hatte sich seither immer wieder gefragt: Will ich leben wie er? Kann ich leben wie er, in Armut und Gebet? Das Leben im Kloster reizte sie, immer wieder schaute sie sich Klöster an. Doch wohin sie kam, überall vermisste sie Leben, Lebendigkeit, Lebenslust. Schließlich hörte sie von den Franziskanerinnen in Sießen und buchte eine Woche Kloster auf Zeit. „Schon am ersten Tag habe ich gemerkt: Hier passt’s!“ Warum? Schwester Clara Maria zuckt mit den Schultern. Warum verliebt man sich in den einen Mann und nicht in den anderen, obwohl beide gut aussehen und nett sind? Doch dann erzählt sie von einer Begebenheit während ihres ersten Aufenthalts in Sießen. Mit einer älteren Schwester spazierte sie durch den Franziskus-Garten, der gerade neu angelegt wurde. „So wie dieser Garten“, sagte die Schwester, „ist auch unsere Gemeinschaft. Wir sind innerlich und äußerlich eine Baustelle, immer ist irgendetwas im Umbruch, wird abgerissen, neu gemacht.“ Das Bild traf, denn genau so, dachte Sonja, wie Schwester Clara Maria damals noch hieß, ist auch meine Leben.

Wieder zu Hause war ihre Mutter schockiert. Was habe ich falsch gemacht?, fragte sie.

„Nichts“, sagte die Tochter.

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