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Kiffende Kinder

Kiffende Kinder

Cannabis – die neue Kultdroge bei Kindern und Jugendlichen

Haschisch gilt als ungefährlich, als harmlos im Vergleich zu Alkohol, Kokain oder Heroin. Für Erwachsene mag das gelten, doch nicht für Kinder und Jugendliche. Aber gerade sie rauchen immer häufiger und früher Joints – in deutschen Drogenhilfeeinrichtungen sind sie zur größten Problemgruppe geworden.

Morgens gegen halb neun Uhr in einer Entzugsklinik vor den Toren Hamburgs. Vögel zwitschern, Sonnenstrahlen brechen sich in den Zweigen der Bäume. Drinnen riecht es nach Kaffee und frischen Brötchen. Eine Gruppe Mädchen und Jungen räumt gerade den Frühstücksraum auf. Sie sehen aus wie Grundschüler. Doch sie sind hier, um zu entgiften. Vor vier Jahren hat die Klinik eine Kinderstation eingerichtet, denn Cannabis ist Kult bei Acht- bis Zwanzigjährigen, quer durch die Bevölkerung, die Zahl der Abhängigen steigt so schnell und stark wie nie nach 1945.

Es war ganz nobel

Einer der Jungen ist Mirco. Sein Gesicht verschwindet fast unter einer Baseballmütze, ständig wippt er mit den Füßen. Er wirkt wie ein verängstigtes Kind, das sich große Mühe gibt, die Aggressionen, die in ihm brodeln, unter Kontrolle zu halten. Mirco ist neunzehn und hat mit zwölf zum ersten Mal gekifft. „Wir sind rumgesprungen, haben gelacht, das war ganz nobel. Man konnte alles vergessen.“ Vergessen wollte er den Tod seiner Mutter, den Vater, den er nie kennengelernt hatte, die Pflegefamilie, in der er sich nicht wohlfühlte. Es dauerte keine zwei Monate und Mirco kiffte jeden Tag.

Haschisch ist ja nicht gefährlich

Beim Frühstück war sie ungeschminkt, nach der Morgenvisite ist Jenny wie verwandelt. Breite schwarze Lidstriche, roter Lippenstift – das blasse Mädchen wirkt jetzt nicht mehr schutzbedürftig, sondern verführerisch und unnahbar wie eine Hollywoodschauspielerin in den 1950ern. Von ihrem ersten Joint erzählt sie, als plaudere sie übers Wetter. Neun Jahre war sie damals. „Allein habe ich nie konsumiert, immer mit anderen zusammen. Wir waren gleichmäßig breit, haben uns gegenseitig verstanden und zum Lachen gebracht, es war lustig.“ Jenny war vierzehn, als ihr Eltern merkten, dass sie kiffte. Sie hatten nichts dagegen. Doch als sie zwei Jahre später anfing, Ecstasy zu nehmen, warfen sie sie raus. Anfangs wohnte Jenny bei Freunden, später im Heim. Sie brauchte Geld, also dealte sie, am Bahnhof, in der Schule. Irgendwann wuchs ihr alles über den Kopf. Sie ging nicht mehr zur Schule, hing herum. „Wenn man Drogen nimmt, kann man kein normales Leben führen. Wenn ich breit bin, komme ich mit den Menschen nicht klar. Die reden zu viel, und ich höre alles auf einmal, es schallt, es ist laut.“ Heute ist Jenny siebzehn. Es ist ihr dritter Entzug.

Depressionen, Psychosen, Schizophrenien

„Wenn Erwachsene ab und zu einen Joint rauchen, würde ich sagen: so what. Wenn Zehnjährige sich regelmäßig breit rauchen, die Schule schmeißen und keine Freunde mehr haben, würde ich sagen: Das ist gefährlich.“ Rainer Thomasius sitzt in seinem Büro in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Er leitet die Drogenambulanz des UKE und weiß, welche Folgen früher Cannabiskonsum haben kann: Angststörungen, Depressionen, Psychosen und Schizophrenien können auftreten, die Konzentrationsfähigkeit leidet, das Denkvermögen, das Gedächtnis. Doch vor allem lähmt regelmäßiger Cannabiskonsum in der Pubertät die Entwicklung. „Wir sehen hier Einundzwanzigjährige, die auf dem Entwicklungsstand eines Vierzehnjährigen sind, weil sie vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Lebensjahr permanent bekifft waren.“ Für den Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ist das eine der schwerwiegendsten Folgen frühen Drogenmissbrauchs, denn Entwicklungsdefizite nachzuholen, braucht später in der psychotherapeutischen Aufarbeitung sehr viel Zeit.
Die 68er-Generation kiffte, um sich gegenüber den Eltern anzugrenzen, die eigene Identität zu stärken und gegen Gesellschaft und Establishment zu protestieren. Die Jugendlichen heute kiffen, weil sie schwach sind und versuchen, ihre Schwächen, ihre Ängste, ihre Depressivität durch regelmäßigen Rausch zu überdecken. Sie nutzen die Droge als Krücke, als Bewältigungsmittel für personale, familiäre oder soziale Probleme. Cannabis, so die jüngste Forschung, schwächt Erinnerungen an Emotionen. Was erklärt, warum Kinder und Jugendliche bevorzugt kiffen, um belastende Gefühle zu betäuben.

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